Einführung

Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts mitten im historischen Stadtkern und an den Ufern der Ruhr: So präsentiert sich der Skulpturenpark Kettwig seit seiner Gründung im Jahr 1985. Eine kraftvolle Initiative der Künstlerin Marianne Kühn führte zu dem Projekt des Heimat- und Verkehrsvereins Kettwig e.V., das trotz knapper Kassen stetig erweitert werden konnte. Mit Hilfe von Leihgebern und Förderern, durch Schenkungen und mit Unterstützung vieler Kettwiger erfuhr der Skulpturenpark Aufmerksamkeit und erfreulicher Weise ein kontinuierliches Wachstum. Herzlich danken möchte ich in diesem Zusammenhang den ortsnahen und unserem Skulpturenpark besonders verbundenen Künstlern: Volker Gerlach, Norbert Pielsticker, Jems Koko Bi und Eckhard Schichtel. Dank gebührt auch unserem Schirmherrn Heinz Schnetger und den Vermittlern, Professor Werner Ruhnau und dem verstorbenen Dieter Krause. Der Skulpturenpark ist ein unverwechselbares Merkmal Kettwigs. Im Raum Essen ist er als öffentliche Kunstsammlung in einem Stadtteil etwas Besonderes. Er ermöglicht den Bürgern und Besuchern aus dem Revier eine Auseinandersetzung mit Kunst in der alten Stadt und in der Landschaft des Ruhrtals.

 

Katrin Engelhardt
Heimat- und Verkehrsverein Kettwig

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© Stefan Arendt

MODERNE KUNST IN HISTORISCHEM AMBIENTE:
Der Skulpturenpark Kettwig


Bekannt sind die Bürgerproteste zur Aufstellung von Kunst im öffentlichen Raum. Selten dagegen wird über das Gegenteil berichtet, nämlich über private Bestrebungen von Bürgern zu Aufstellung, Pflege und didaktischer Betreuung von moderner Kunst in öffentlichen Räumen einer Stadt. Die Stadt Essen kann sich glücklich schätzen, inzwischen zwei solcher Initiativen zu besitzen, die in ihrer Struktur unterschiedlich, in ihrer Arbeit aber ähnlich engagiert und aufgeschlossen sind: Einmal Bürger der Innenstadt am Moltkeplatz (Kunst am Moltkeplatz e.V.) und zum anderen die ältere und das gesamte Gebiet des Stadtteils Kettwig berücksichtigende Initiative des Skulpturenparks Kettwig. Meist sind Heimat- und Verkehrsvereine sehr konservativ auf die Ortsgeschichte und die ökonomische Verbesserung der allgemeinen Situation ausgerichtet. Dies erst recht in Orten und Ortsteilen, die von der städtebaulichen Struktur her durch historische Ortskerne und alte Bausubstanz gekennzeichnet sind, so wie es in Essen-Kettwig eben der Fall ist.

Hier aber hat sich eine andere Ansicht durchgesetzt, die zeigt, dass zwischen sorgfältig gewählter, aber anspruchsvoller moderner Kunst und dem historischen Ambiente kein Widerspruch besteht, sondern sich eine sensible Spannung mit sich gegenseitig steigernden Synergiekräften aufbaut: Gerade alte, historische Ortskerne besitzen häufig eine museale Atmosphäre des Vergangenen; dagegen vermittelt eine in sie sorgfältig eingeplante moderne und zeitgenössische Kunst eine Energie, die den Ort gerade wegen der historischen und zeitbezogenen Komponenten zu einem zur heutigen Zeit gehörigen, lebendigen und aufgeschlossenen Gesamterlebnis zusammenfasst.

Als 1983 die Künstlerin Marianne Kühn das Defizit einer zeitbezogenen Kunst im Stadtbild Kettwigs bemängelte, begann sie mit ihrer einzigartigen Initiative: Ihre Überzeugungskraft führte zur Zusammenarbeit mit dem aufgeschlossenen Heimat- und Verkehrsverein Kettwig e.V. und schon 1985 wurde die erste Skulptur im Stadtgebiet aufgestellt, „Die Familie“ des an der Folkwang- Schule in Essen lehrenden Bildhauers Herbert Lungwitz (1913 – 1992). Damals wurde auch das organisatorische Grundmodell der Initiative erprobt und festgelegt. Um eine künstlerische Qualität der aufzustellenden Arbeiten zu gewährleisten, wurde das Museum Folkwang gebeten, die Auswahl der Objekte mit zu bestimmen. Durch Spenden von Bürgern, Institutionen und der Stadt Essen wurde die Skulptur schließlich 1990 erworben. Somit gründete sich 1985 der Skulpturenpark Kettwig, der seitdem kontinuierlich ausgebaut wurde und an unterschiedlichen Plätzen und Situationen im Ortsbild Kettwigs erstaunliche Gegenüberstellungen von Altem und Modernem, von Realem und Abstraktem, von Erzählendem und Geheimnisvollem präsentiert.

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© Stefan Arendt

Beibehalten ist bei allen hinzugefügten Werken die sorgfältige Auswahl für einen spezifischen Ort im Stadtbild, der Blick für die Künstler, die in fast allen Fällen eine mehr oder weniger enge Beziehung zu Essen bzw. sogar unmittelbar zu Kettwig besitzen sowie das Bestreben, die ausgewählte Kunst im öffentlichen Bereich in den Besitz des Vereins zu überführen – ob durch direkten Ankauf beim Künstler oder durch Schenkung eines Mäzens. Es sind mittlerweile eine Reihe bekannter Namen von Künstlern vertreten, die durchaus mit ihren Werken renommieren:
> Werner Graeff (1901 – 1978), einst jüngstes Mitglied der holländischen de Stijl Gruppe, Bauhausschüler und Lehrer an der
Folkwang-Schule,

> Friederich Werthmann (geb. 1927), als früher Vertreter der informellen Plastik bekannt, hat er ein breites und wichtiges Gesamtwerk seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts geschaffen,

> Wolfgang Liesen (geb. 1936) mit seinen handfesten und häufig aggressiven Plastiken ein wichtiger Vertreter der Ruhrgebietsbildhauer,

> Johannes Brus (geb. 1942), beachteter und wichtiger Künstler in Deutschland oder auch

> der inzwischen international vertretene Carl Emanuel Wolff (geb. 1957), der an der Kunstakademie in Dresden als Professor lehrt.

 

So ist durch die Initiative von Marianne Kühn innerhalb von knapp 30 Jahren eine ortsbezogene Sammlung von Kunst im öffentlichen Raum entstanden, die sich sehen lassen kann. Es bleibt aber nicht allein bei der Sammlungsinitiative. Kunst im Freiraum braucht Pflege. Häufig gründet der schlechte Ruf öffentlicher Kunst nicht zuletzt darin, dass ein unwürdiger Erhaltungszustand den künstlerischen Ausdruckswert eines öffentlichen Werkes zerstört. Skulpturen im Freiraum aufzustellen und sich selbst zu überlassen und sie damit den rücksichtslosen Kräften von Natur und Mensch auszuliefern, zerstört schnell jeglichen künstlerischen Wert.


Für die Kettwiger Kunstfreunde, die um diese Problematik wissen, ist es selbstverständlich, dass die Werke einer ständigen Pflege bedürfen und unterzogen werden. Hierfür und für die besonders intensive didaktische Betreuung der Sammlung durch gezielte Führungen für Kinder und

Erwachsene, für den Druck von verständlich aufgemachten Broschüren

wie dieser hier sowie für die überlegte Presse- und Öffentlichkeitsarbeit gebührt den ‚Machern’ der Initiative ein großes Lob: Hier lebt die moderne Kunst im Alltag der Menschen, bringt deren Sinne in Bewegung und gibt ihnen Stoff, über unsere Welt, deren Gestaltung und über sich selbst nachzudenken.

Uwe Rüth

Köln

U W E  R Ü T H

1942* in Breslau, studierte in Bonn Kunstgeschichte, Archäologie und Vor- und Frühgeschichte.

1976 Promotion;

1978 bis 2007 Aufbau des Skulpturenmuseums Glaskasten Marl und dessen Direktor;

1994 bis 1997 Künstlerischer Geschäftsführer der Triennale Ruhr GmbH Essen.

seit 1984 Gründer der Marler Medien-Kunst-Preise

1998-2002 Künstlerische Konzeption und Aufbau des Internationalen Zentrums für  Lichtkunst in der Lindenbrauerei in Unna.

1999 bis 2010 Konzeption und Aufbau des WaldSkulpturenwegs Wittgenstein – Sauerland. Zahlreiche Publikationen und Vorträge im In- und Ausland.

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